Körper
Kunst Pornographie:
Betrachtungen künstlerischer Zusammenspiele
im
Oeuvre des Fotografen Peter Franck
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The idea of (sexual) identity as free-floating, as
not connected to an 'essence', but instead a performance,
is one of the key ideas in queer theory.
Seen in this way, our identities, gendered and otherwise,
do not express some authentic inner
"core" self but are the dramatic effect (rather than
the cause) of our performances.

(David Gauntlett zu Judith Butler)




Körper - Kunst - Pornographie:
Betrachtungen künstlerischer Zusammenspiele
im Oeuvre des Fotografen Peter Franck



Einen Jahrhunderte alten Streit wie diesen mit wenigen Seiten Text beizulegen ist
sicherlich illusorisch. Deshalb wird hier ausdrücklich nur der Versuch unternommen,
sich dem komplexen Verhältnis der Kunst zum Körper zu nähern und den
besonderen Bereich zu beleuchten, in dem Kunst scheinbar aufhört sie selbst zu
sein und zu etwas anderem wird, nämlich zu Pornographie. Da es sich hier um ein
Grenzgeschehen zu handeln schein, geht es erst einmal darum die betreffenden
Begriffe näher zu bestimmen; es folgen Verortungen und Differenzierungen.
Soweit es den Begriff Kunst angeht, halte ich mich zunächst an eine Aussage von
Professor Torkhild Hinrichsen, Kurator im Altonaer Museum: Kunst ist nicht einfach
das, was es wert ist gesammelt und der Nachwelt hinterlassen zu werden,
weil es etwas Signifikantes über die Zeit seiner Entstehung oder den Stil einer bestimmten
Epoche aussagt. Bei Kunst handelt es sich auch oder gerade um solche
Dinge, die kostbar, selten und besonders sind - weshalb sie zu ihrer Zeit, oder besser
zu Lebzeiten ihres Schöpfers nicht immer mit Begeisterung von der Masse akzeptiert
wurden. Insofern ist Kunst keine Frage des guten Geschmacks, sondern
der Zeit oder genauer der Einstellungen einer Gesellschaft, ihren expliziten und
impliziten Werten, Maßstäben, Vorstellungen von Gut und Böse...

Innerhalb eines solchen Zeitgeistes existieren auch bestimmte Körperbilder, geprägt
von diversen Diskursen. Aufgrund der offenen Struktur von Diskursen können
diese Bilder auch im Nachhinein nie ganz eindeutig bestimmt werden. Sowohl
die Vereinnahmung des Körpers durch natur- und geisteswissenschaftliche
Disziplinen, als auch die Körpermodelle in Literatur und Kunst bilden die Basis
für ein solches periodisch geltendes Körperbild.
In Bezug auf die hier relevante Frage, Pornografie oder Kunst?, die an ein Werk
gestellt wird, zeigt sich, dass unter Berücksichtigung des Laufs der Geschichte,
keine allgemein gültige Antwort gefunden werden kann. Viele bedeutende Werke
der Kunst haben zur einen Zeit die Sittenwächter auf den Plan gerufen, zur anderen
keinerlei Aufmerksamkeit erregt. Handelt es sich hier schlicht um ein Phänomen
gesellschaftlichen Fortschritts in Bezug auf Moral?
Erregt Ingres‘ schelmisch grinsender Amor von 1814 schon lange keinen Anstoß
mehr, weil wir heute glaubhaft behaupten, dass Sexualität etwas Natürliches sei,
wofür man sich nicht zu schämen bräuchte? Wohl kaum, denn Sexualität, allein
das Wort, ist heute mehr den je mit Bildern behaftet, die zwischen Polen extremer
Natürlichkeit und Künstlichkeit schwanken.

Die Erfindung des natürlichen Körpers
Judith Bulter vertritt in ihrem 1990 erstmals erschienenen Text Das Unbehagen
der Geschlechter explizit die These von der Nicht-Existenz eines natürlichen Kšrpers.
Sie schockiert mit der Behauptung, dass es sogar überhaupt keinen vor-kulturellen
Körper gäbe, schon gar keinen sexuellen. Butler folgt darin den Thesen
Michel Foucaults, die seit den 70er Jahren einen Diskurs eršffneten, der sich mit
dem Verhältnis von Körper, Kultur und Macht beschäftigt. Bei Butler und
Foucault ist der Körper nicht in einen natürlichen, biologischen, sexuell freien und
einen sozialen Körper, geteilt. Butler kritisiert explizit die Vorstellung eines sozialen
Körpers, der jenem natürlichen Körper nachfolge, indem er sich in diesen einschreibt,
wie in ein passives Medium (vgl. Bulter, Das Unbehagen..., S. 26).
„Der Leib ist selbst eine Konstruktion (...)“, so Butler (ebd.).
Wie das von Butler kritisierte Verständnis vom Körper als Medium der Einschreibung von Kultur aussehen könnte,
zeigt der Regisseur Peter Greenaway in seinem Film the pillow book aus
dem Jahr 1995 (hier eine Szenemit Vivian Wu).
Bild 1

Er erzählt mit intermedialen Bildern die Geschichte einer Frau, die nach dem perfekten Liebhaber sucht, der ihr in der Nachfolge ihres Vaters,
eines berühmten Kalligrafen, die Haut mit Zeichen schmückt und dabei ihr Begehren weckt und befriedigt, was immer wieder misslingt,
bis sie auf einen Mann trifft, der versucht sie aus den Verstrickungen dieser Begehrens-
Struktur zu befreien; Er scheitert jedoch, stirbt und hinterlässt ihr ein Kind, quasi
als Ersatz für die Zeichen auf der Haut, nun jedoch im Körperinneren. Greenaway
zeigt wie komplex die Verhältnisse von Körper, (sexuellem) Begehren und Kultur
miteinander verwoben sind – eigentlich unentwirrbar.
Anders als bei Greenaway oder der franzšsischen Künstlerin Orlan, in deren Happenings
die Kulturtechnik unter die Haut geht, sich quasi „...mittels Skalpell, Kanüle
und Zange in das Fleisch ein(schreibt)“, so Markus Buschhaus
1(1 Buschhaus, M.: Der Kšrper ist eine Baustelle..., Online-Text:
http://www.gradnet.de/papers/pomo2.papers/buschhaus00.htm)
, findet die
Codierung der ausschließlich weiblichen Körper bei Peter Frank mit dekorativen,
medialen und rezeptionsästhetischen Mitteln statt.

Körper in den Bildern von Peter Franck
Seine Fotografien wirken jede für sich, aber auch als Fotostrecke genommen, auf
den ersten Blick wie Stills aus einem Edel-Porno der 80er Jahre. Als Setting wählt
Frank mit Vorliebe etwas schrullig eingerichtete Hotelzimmer, die einer Ästhetik
des Verfalls Rechnung tragen. Dem gegenüber steht ein glatter, cleaner fotografi-

scher Stil. Parallelen zum fotografischen Werk Helmut Newtons sind unverkennbar,
Frank steigert jedoch den Eindruck von Künstlichkeit des Dargestellten durch
die Wahl unkonventioneller Bildausschnitte, Blickrichtungen, Lichtspiele und Posen
um ein Vielfaches. Die Körperhaltungen der Modelle kopieren zwar eindeutig
pornographische Vorbilder, weisen aber durch die eingesetzten Stilmittel deutlich
darüber hinaus. Hier wird mit der Deutung und Bedeutung von Körperteilen und
Posen, sexuell konnotierten Objekten und letztlich den Imaginationen des Betrachters
gespielt. Auf den zweiten Blick wirkt deshalb auch der Einsatz von Fetisch-
Objekten amüsant und nicht obszön.
Franks Bilder vermitteln auf ihre Weise, dass der Körper keine natürliche Gestalt
und Bedeutung hat, sondern vielmehr einer künstlichen, künstlerischen und medialen
Neugestaltung unterliegt. Wie auf einer Bühne oder einem Filmset bewegt
sich dieser „virtuelle“ Körper in unterschiedlichen Rollen, wirft sich in Pose, zeigt
sich dem Zuschauer - mit etwas Abstand besehen handelt es sich also um eine Performance,
eine Aufführung für einen immer mitgedachten Betrachter, dessen
Voyeurismus ihm auch deutlich vor Augen geführt wird.
Ein solcher Kunst-Körper, versehen mit künstlicher, spielerischer (Geschlechter-)
Identität taucht jedoch nicht erst seit einigen Jahrzehnten in der Kunst auf, sondern
„...zeichnet sich schon in den bildgebenden Verfahren der frühen Neuzeit ab.
Mit der Kontrolle über die Defiguration des menschlichen Kšrpers durch die Humananatomie
und dessen Refiguration mittels Bildmedien wird ein wissenschaftlicher
Körper, ein medikaler Corpus geschaffen, der sich von der Erfahrung der
eigenen Leiblichkeit zu trennen beginnt“, wie Markus Buschhaus erklärt.
2 Der
Körper wird zunehmend auf die Ebene der Zeichen transformiert und wird dort
zum Synonym für die Strukturen der Macht. Dabei stellt sich die Frage, ob angesichts
des Bestehens solcher Strukturen grenzüberschreitende Performanzen überhaupt
möglich sind.
Der Diskurs über den Körper spaltet sich seit den späten 1980er Jahren in zwei
Lager: jene, die an einen vor-kulturellen Körper und ein natürlich vorhandenes
sexuelles Begehren glauben und jene, die den Sexual-Körper und die sexuelle Identität
quasi als Effekt von Diskursen, als Effekt von Performanzen und das Begehren
als Reaktion auf das (gesellschaftliche) Verbot denken (wie Lacan und
Butler). Diese beiden unterschiedlichen Positionen beschäftigen seither die Kunst.
Dabei wird entweder der schlichte Versuch unternommen durch die Auflšsung
oder überschreitung von Körpergrenzen und Ekelschwellen eine relativ unbestimmte
persönliche oder gesellschaftliche Freiheit zu erweitern; Oder aber Kunst
thematisiert diese zum Scheitern verurteilten Versuche, die schließlich schon der
68er-Generation nicht gelungen waren. Solche Kunst nimmt dann auch ganz be-
(2 Buschhaus, M.: Der Kšrper ist eine Baustelle..., Online-Text:
http://www.gradnet.de/papers/pomo2.papers/buschhaus00.htm)
wusst die besondere Bedeutung der digitalen Bildmedien und ihr Verhältnis zum
Körper in den Blick. So auch bei Peter Franks Bildern zu sehen.
Wie bei Velazquez Frau mit Spiegel (um 1648)
Bild 3
wird der Betrachter in ein kompliziertes Netz von Blicken verstrickt3. Die Medialisierung des Körpers, des Auges, der gesamten Wahrnehmung wird bei Frank anhand von Spiegeln
oder Fernsehapparaten in den Bildern aufgezeigt.
Damit weist der Künstler auch auf den unsichtbaren Blick des Fotografen hinter der Kamera hin,
dessen Existenz durch das Foto und die Blicke der Modelle bewiesen wird.
Im übrigen finden sich nicht allein in diesem Werk Fetische, wie der klassische
hochhackige Damenschuh. Das weite Feld des Fetischismus hat längst in die
Kunst Einzug gehalten; man könnte sogar das Bild selbst, vor allem das erotisch
aufgeladene, als Fetisch bezeichnen. Dann eröffnen sich für eine psychoanalytisch
inspirierte Kunsttheorie unendliche Möglichkeiten über Voyeurismus, die Macht
des Blicks, die Gier des Auges und den Zusammenhang von (sexueller) Identität
und Selbst-(Vor-)Bild, bzw. Bild als Spiegel zu spekulieren.
An dieser Stelle wird noch einmal die eingangs gefallene Frage nach der Zugehörigkeit
eines Bildes aufgenommen. Handelt es sich bei Peter Franks Arbeiten um
Kunst oder um Pornografie?
Der Körper ist von jeher Objekt künstlerischen Interesses und dementsprechender
künstlerischer (Ver-) Formung. An dem besonderen Stellenwert, den der Körper in
der Kultur einnimmt, an seinen Be- und Zuschreibungen und seiner Behandlung
(auch im klinischen Sinne) ist ablesbar wie eine Gesellschaft zum Körper steht.
(3 vgl. hierzu den detaillierten Beitrag von Felix ThŸrlemann: „Vel‡zquez’ Venus mit Spiegel. Das
GemŠlde als Transformation des Blicks“ in: Bogen, S.; Brassat, W.; Ganz, W. (Hg.):
Bilder, RŠume,
Betrachter...
, Berlin: Reimer, 2006, S. 74 – 89)

Im Sinne Judith Butlers offenbart vor allem zeitgenössische Kunst, dass es keinen
natürlichen Körper gibt, den man abbilden könnte; Kunst wie die von Peter Frank
zeigt, wie wenig natürlich und selbstverständlich vor allem die Kunst-Körper sich
darstellen: Körperbilder weniger den Körper, als die Herausforderungen diesen
mit künstlerischen Mitteln abzubilden; Was Künstler und Medium bewirken ist,
dass sie den Körper jedes mal neu bilden. Es handelt sich also nicht nur um eine
schlichte Abbildung oder Verdopplung, sondern um eine Transformation und Innovation
des Körpers. Deshalb handelt es sich bei Franks Bildern auch nicht um
Pornographie. Diese würde versuchen die Präsenz eines realen Kšrpers zu imitieren.
Was ihn jedoch am Körper reizt, ist die Bildung eines Kunst-Körpers in der
Nachfolge von Pygmalion. Dem Künstler bieten sich schier unendliche Möglichkeiten
jenen zerbrechlichen menschlichen Leib in seine einzelnen Bestandteile zu
zerlegen, um ihn ganz neu - verrückt - zusammenzufügen. Der Körper transformiert
sich als Kunstkörper vom "Körpergefängnis" in einen utopischen Leib mit
unbegrenzten Möglichkeiten.
Dieser artifizielle Körper, eröffnet für Künstler und Betrachter Sichtweisen auf
das eigene (Körper-) Selbst, die eine Erweiterung der scheinbar festen Körpergrenzen
zum Thema haben - vergleichbar jenem sportlichen Körper, der darauf
hin trainiert die Grenzen des bisher Erreichten auszudehnen (, wenn nötig mit
künstlichen Mitteln, bzw. Mittelchen...)
Ich schliesse mit einem Zitat von Emil Hrvatin, der den Körper als das versteht
"(...), was uns einerseits am nächsten steht, gleichzeitig aber das Unklarste, Unzähmbarste,
Unkontrollierbarste darstellt. Als solcher wird er auch weiterhin ein
privilegiertes Subjekt der Manifestationen der gesellschaftlichen Macht bleiben"
4,
wobei die Körper dieser Macht unterworfen ist, sie aber auch subversiv verändern
kann, zum Beispiel als virtueller Kunst-Körper.
(4 Hrvatin, E.: „Geographie der Kšrperkunst. Body-art-Ausstellungen in Wien und Ljubljana“ in
neue bildende kunst. Zeitschrift fŸr Kunst und Kritik, 5/1998, Basel: G+B Arts International)




Ann-Kathrin Keller